Wahrnehmen von Struktur und Prozess

Arbeitsprinzipien Gruppendynamischer Supervision: 1. Wahrnehmung von Struktur und Prozess

Gruppendynamische Supervision ist geprägt von einer „doppelten Orientierung auf Struktur und Prozess“ der Gruppen im Arbeitskontext (König 2008, S. 22). Um die Beziehungsdynamiken des Arbeitskontextes zu verstehen, stellen sich gruppendynamisch arbeitenden Supervisor*innen zwei Fragen: „Welche Strukturen rahmen die jeweilige soziale Situation?“ und „Wie realisieren sich diese Strukturen im Prozess?“ (König 2008, S. 23). Die Frage nach den Strukturen – also danach welche Einflussfaktoren die arbeitsfeldbezogenen Fragestellungen rahmen – zielt auf die „institutionellen und organisatorischen Rahmenbedingungen des Geschehens, das Rollengefüge der Beteiligten, Fragen von Macht und Einfluss, Majorität und Minorität, Führung und Autorität, Mitgliedschaft und Zugehörigkeit, Nähe und Distanz“ (König 2008, S. 23). Der Blick auf den Prozess hilft bei der Einschätzung, wie Strukturen entstehen und sich verändern sowie bei der Entscheidung darüber, wann eine Intervention passend und anschlussfähig für eine Person, Gruppen oder Klientensystem ist. Werkzeuge für die Wahrnehmung von Gruppen sind theoretische Modelle, die sich aus unterschiedlichen wissenschaftlichen, therapeutischen und beraterischen Traditionen speisen.

Theoriemodelle

Die verschiedenen theoretischen Modelle der Gruppendynamik lassen sich in 2 Kategorien fassen:  Strukturmodelle und Prozessmodelle. Modelle dieser beiden Kategorien sind durch ihre Wechselwirkung untereinander – ihre verbindende Dynamik – verknüpft und sind daher selten vollends trennscharf.

Struktur (zum Artikel)

Strukturmodelle bieten uns die Möglichkeit die Ordnung einer Gruppe zu beleuchten. Wie sind die Mitglieder zueinander positioniert? Welche Sachthemen und welche Beziehungsthemen werden bearbeitet? Welche davon sind besprechbar, bewusst oder unbewusst in der Gruppe vorhanden? Welche Rollen, Normen und Werte sind wahrnehmbar?

Prozess (zum Artikel)

Prozessmodelle zeigen uns die Gruppe in ihrer Bewegung und Entwicklung. Diese Entwicklung wird in Phasen die Gruppen durchlaufen oder als Pendelbewegungen zwischen widerstrebenden Kräften beschrieben. Durch die Dynamik dieser Bewegung verändert sich die Struktur der Gruppe laufend.

Gleichzeitigkeit und Reduktion von Komplexität

Gruppendynamische Supervision richtet ihren Blick auf die Gruppe als zentrale Sozialform gesellschaftlichen Lebens, im Privaten, im Politischen und der Arbeitswelt. Berufliche Fragstellungen stellen sich meist im Kontext von Gruppen oder Teams, wie einem Lehrer*innenkollegium, Kolleg*innen derselben Schicht in einem Krankenhaus, die Besetzung des Müllwagens, das Team des Supermarkts oder das Gründungstrio eines Start-Ups.

Gruppen sind kein Teams

Gruppen und Teams teilen viele aber nicht alle Eigenschaften. Gruppen definieren sich, durch ihre Auseinandersetzung mit einem Inhalt oder dem Verfolgen eines Ziels über einen signifikanten Zeitraum und in direkter Kommunikation miteinander. Es besteht Klarheit darüber, wer der Gruppe zugehörig ist. Ein Team macht zusätzlich die gemeinsame Bewältigung einer Aufgabe aus, z. B. das Erstellen eines Produkts. Dabei sind die Teammitglieder voneinander abhängig und stehen in direkter Kommunikation über ihre Zusammenarbeit. Teams haben einen bedingten Gestaltungsspielraum bei der Bearbeitung ihrer Aufgabe und der Strukturierung der Zusammenarbeit, sie sind dabei meist in eine Organisation eingebunden. Jedes Team ist also eine Gruppe, aber nicht jede Gruppe ist auch ein Team (vgl. Brinkmann & Schattenhofer 2022). Gruppen und Teams sind dabei gekennzeichnet durch eine spezifische Struktur, die sich dynamisch im Prozess verändert. Diese Struktur ist beeinflusst von äußeren Einflussfaktoren auf kultureller, institutioneller und organisationaler Ebene, sowie inneren Einflussfaktoren, die sich aus der psychodynamischen Verfasstheit, Verhaltensmustern, Kompetenzen und Vorerfahrungen der Mitglieder speisen. Gruppen verhandeln diese Einflüsse in einem selbstgesteuerten Prozess auf Inhalts- und Beziehungsebene, bewusst und unbewusst. Hieraus ergeben sich beispielsweise Phänomene wie ein Rollengefüge und Statuszuschreibungen, Normen und Regeln sowie Untergruppen und Fraktionen, die wiederum dem andauernden Gruppenprozess unterworfen sind.

Um diesem komplexen Geschehen gerecht zu werden, sich selbst darin zu orientieren und um Orientierung zu bieten, schaut die gruppendynamische Supervision gleichzeitig auf die Gruppenstruktur und den Gruppenprozess. Um die Struktur einer Gruppe zu erkennen, können wir sie durch verschiedene theoretische Modelle betrachten. Das Entstehen und Vergehen dieser Strukturen ist über die Beobachtung des Prozesses zu verstehen. Im Prozess wird deutlich, welche inneren und äußeren Strukturen die Gruppe besonders beeinflussen und welche inneren Strukturen grade verhandelt oder verändert werden. In anderen Worten: „Welche Strukturen setzen sich im Prozess durch, bzw. wie gestaltet sich im Prozess der Umgang mit Strukturen und wie verändert sich dies im Verlauf der Zeit?“ (König & Schattenhofer 2010, S. 83). In einem weiteren Schritt stellt sich die für Supervision bedeutsame Frage, wie Prozess und Struktur sich auf die inhaltliche Ebene des Arbeitskontextes auswirken.

Gruppendynamische Supervision betrachtet also die gesamte Struktur der Gruppe sowie ihre innere Veränderung, um daraus Timing, Ziel, Intensität, Tiefe und Art von Interventionen (vgl. Voigt & Antons 2006) ableiten zu können. In Einzel- und Führungskräftesupervision sowie Gruppen- und Teamsupervision bietet der gleichzeitige Fokus auf Struktur und Prozess ein Untersuchungswerkzeug. Er kann beobachtbare Handlungen von Teammitgliedern erklärbar machen oder Hinweise darauf geben, warum ein Gruppe nicht arbeitsfähig erscheint, sowie zu einem besseren Verständnis der eigenen Position in Gruppen dienen und folgend auch zu Interventionsideen führen.

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Begriffsklärung: Gruppendynamik und Supervision

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Struktur. Die Ordnung der Gruppe