Begriffsklärung: Gruppendynamik und Supervision

Ich mache gruppendynamische Supervision! Aber was ist das?

So sehr ich meine Arbeit mit beiden Begriffen identifiziere, stoße ich häufig auf offene Fragen. Deswegen will ich genauer klären was das Zusammenspiel von Gruppendynamik und Supervision ausmacht. Um zu durchdringen, was gruppendynamische Supervision ist, müssen wir die zentralen Begriffe verstehen: Supervision und Gruppendynamik.

Gruppendynamik

Als Begründer der Gruppendynamik gilt Kurt Lewin, der in 1930er Jahren aus Deutschland flüchtete, in den USA seine wissenschaftliche Arbeit fortsetzte und 1939 den Begriff Gruppendynamik begründete. Beinahe gleichzeitig entwickelte Jacob Levy Moreno, der ebenfalls in die USA emigriert war, die Grundlage für Psychodrama und die Gruppenpsychotherapie. Beide Ansätze standen unter dem Eindruck totalitärer Herrschaft in Deutschland und Europa und betonen den Menschen als Gemeinschaftswesen, die Förderung von Demokratisierungsprozessen, dem Lösen von Konflikten und eine liberale Haltung (vgl. Budziat/Kuhn 2021; König Schattenhofer 2010). Hieraus entstand ebenso das Konzept des Action Research, das Handeln, Forschen und Erziehen verbindet und die Beforschten selbst zu aktiven Forscher*innen macht.

Heute teilt sich die Gruppendynamik in folgende Aspekte:

1.      Der Begriff „Gruppendynamik“ bezeichnet das „Kräftespiel in einer Gruppe“ (König & Schattenhofer 2010, S.12), die Veränderungen oder Kontinuitäten im Beziehungsgeschehen der Gruppenmitglieder innerhalb der Gruppe sowie in Bezug zur äußern Umwelt.

2.      Daneben ist Gruppendynamik Disziplin der Sozialwissenschaften. Diese umfasst das Beforschen der Dynamik von Kleingruppen und ist in der Sozialpsychologie verortet. Die zugehörigen Theorien und Modelle gelten dabei als Theorien mittlerer Reichweite und als Grundlagenforschung, sie sind keine Grand Theory (vgl. König 2008), wie beispielsweise die Systemtheorie nach Niklas Luhmann.

3.      Gruppendynamik ist ebenso ein „Verfahren sozialen Lernens“ (König & Schattenhofer 2010, S.13). Als Form der Erwachsenenbildung soll „angewandte Gruppendynamik“ (Budziat & Kuhn 2021, S.28) die Möglichkeit bieten emotionale und soziale Kompetenzen zu entwickeln. Hierzu gehört „spezifisches theoretisches und methodisches Wissen und Handwerkszeug“ (Geramanis 2024, S.2), um Gruppenprozesse im Lernkontext zu verstehen und zu steuern. Diese Form der Arbeit findet in verschiedenen Formaten (vgl. Buer 2004) statt, von Training über Supervision bis hin zu Organisationsberatung.

Supervision

Ausgehend von der „Clinical Supervision“ der Sozialen Arbeit Ende des 19. Jahrhunderts in den USA, liegen die traditionellen Anfänge von Supervision in den Feldern der Psychotherapie sowie der Sozialen Arbeit. In beiden Kontexten wurden mit Supervision zu Beginn Personen in Ausbildung in einem dyadischen Setting adressiert. Je mehr sich Supervision als eigenständiges Handlungsfeld etablierte, weitete sich die Zielgruppe auf erfahrene Berufstätige und Führungskräfte aus. Auch das dyadische Setting Einzelsupervision wurde um Team- und Gruppensupervision erweitert (vgl. Schreyögg 2004). In einem psychosozialen und pädagogischen Verständnis bezeichnet Supervision heute „Weiterbildungs-, Beratungs- und Reflexionsverfahren“ (Belardi 2018, S.14) für berufliche Kontexte. Die zuvor getrennten Entwicklungsstränge schlagen sich heute in vielfältigen Erscheinungsformen von Supervision nieder, von kognitiv-orientierter Fachberatung und Psychotherapie-ähnlicher Beratung bis hin zu Ansätzen aus der Organisationsberatung (vgl. Schreyögg 2004). Ziel von Supervision ist, die Verbesserung und Professionalisierung von Arbeitsergebnissen sowie Beziehungen zu Klient*innen und Kolleg*innen. Supervision grenzt sich von Psychotherapie ebenso wie von der Behandlung ausschließlich persönlicher Problemlagen ab; im Fokus steht immer der Bezug zur Arbeitswelt. Kontrolle oder Fachberatung sind kein vorwiegender Teil von Supervision, auch wenn es der Begriff vermuten lässt (vgl. Belardi 2018).

Buer (2004) beschreibt Supervision mithilfe von drei Unterscheidungen: Format, Verfahren und Methoden. Supervision ist ein Format psychosozialer Beziehungsarbeit, parallel zu anderen Formaten wie Beratung, Therapie, Unterricht, o.ä.

Das Format Supervision ist gekennzeichnet durch zentrale „Parameter“ (nach Buer 2004):

1.      Die Formen der Supervision teilen sich in Einzel-, Gruppen-, Teamsupervision sowie Intervision.

2.      Die Arbeitsphasen der Supervision gliedern sich idealtypisch in „Eröffnung, Berichterstattung, Rückmeldung, Klärung, Integration, Handlungsorientierung“ (ebd. S.103).

3.      Je nach Auftrag benötigt die Supervision unterschiedliche Fokussierungen, wie beispielsweise Fallarbeit, Psychohygiene, Berufsidentität, Konzeptentwicklung, Arbeitsorganisation, Selbstthematisierung.

4.      Diese thematischen Fokussierungen werden mit unterschiedlichen Interpretationsebenen beleuchtet: Wie wirken je nach Fokussierung die organisationalen Bedingungen (Organisation), die Interaktionsmuster (Interaktion) oder die persönlichen Anteile der Beteiligten (Person).

Dieses Format wird in der Praxis mit einem „konsistenten Handlungsansatz“ einem „Verfahren“ (Buer 2004, S. 103) umgesetzt, hierzu gehört neben Psychoanalyse, Themenzentrierter Interaktion, u.a. auch die Gruppendynamik. Aus dem Zusammenspiel von Format und Verfahren ergeben sich spezifischen Handlungsweisen bzw. Methoden, mit denen Ziele in der Supervision verfolgt werden.

Eine wichtige Unterscheidung im Sinne der Klassifikation nach Buer ist die zwischen Format und Verfahren. Die Besonderheit der Gruppendynamik ist, dass sie als Verfahren mit einem spezifischen und prominenten Format, dem gruppendynamischen Training, verbunden ist, welche in der Literatur öfters synonym beschrieben werden. Mich interessiert das Zusammenspiel von Supervision als Format in Kombination mit Gruppendynamik als Verfahren. Welche Handlungsweisen ergeben sich daraus? Welche theoretischen Modelle sind in der Praxis anwendbar?  Wie füllen gruppendynamische Supervisor*innen ihre Rolle aus?

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Wahrnehmen von Struktur und Prozess