Prozess. Die Gruppe in Bewegung
Arbeitsprinzipien Gruppendynamischer Supervision: 1. Wahrnehmung von Struktur und Prozess
Prozessmodelle zeigen uns die Gruppe in ihrer Bewegung und Entwicklung. Diese Entwicklung wird in Phasen, die Gruppen durchlaufen, oder als Pendelbewegungen zwischen widerstrebenden Kräften beschrieben. Durch die Dynamik dieser Bewegung verändert sich die Struktur der Gruppe laufend.
Phasen der Gruppenentwicklung
Gruppenprozesse in Phasen einer Entwicklung zu beschreiben ist ein viel genutzter Modus. Die Phasenmodelle fokussieren dabei unterschiedliche Entwicklungsaufgaben von Gruppen oder legen einen thematischen Fokus.
Eine Auswahl:
Sandner (1978) beschreibt Gruppenentwicklung mit Bezug auf gruppenanalytische Theorie parallel zur Entwicklung eines Kindes.
Bennis und Shepard (1972) beschreiben Gruppenentwicklung mit dem Blick auf Abhängigkeit gegenüber Leitung.
König und Schattenhofer (2010) beschreiben Gruppenentwicklung entlang des Spannungsfeldes Integration und Differenzierung (dazu unten mehr).
Tuckmann (1965) beschreibt die Entwicklung anhand von Beziehungs- und Aufgabenebene.
Phasenmodelle erwecken den Eindruck, dass Gruppen sich linear und gleichförmig entwickeln und dabei keine Rückschritte machen. Diese Annahme lässt sich empirisch nicht abbilden (vgl. König &Schattenhofer 2010). Der Mehrwert dieser Modelle liegt eher darin unterschiedliche Zustände von Gruppen zu beschreiben und dadurch die eigene Wahrnehmung zu strukturieren. Neben Modellen von Gruppenphasen wird Dynamik in Gruppen auch als Ergebnis von widerstrebenden Kräften beschrieben.
Widerstrebende Kräfte: Integration und Differenzierung
Das Bild, dass Prozesse in Gruppen durch Kräfte und Gegenkräfte angetrieben werden, geht auf die Feldtheorie nach Kurt Lewin zurück (1963). Diese Kräfte entstehen aus der Aufgabe der Gruppenmitglieder, Teile der eigenen Autonomie abgeben zu müssen, um Zugehörigkeit zur Gruppe zu erlangen. Es besteht ein ständiger Aushandlungsprozess, welche Normen der Gruppe angenommen werden, welche Freiheiten dafür abgegeben werden und für welche Ideale und Bedürfnisse eingestanden oder gestritten wird (vgl. Erpenbeck 2024). Hieraus entsteht ein Spannungsfeld zwischen den Polen Differenzierung und Integration. Diese Pole gilt es für eine Gruppe auszubalancieren: Zu viel Differenzierung der Gruppenmitglieder führt zum Auseinanderbrechen oder zur Arbeitsunfähigkeit der Gruppe, zu viel Integration kann einen autoritären Konformitätsdruck zur Folge habe. Eine gelingende Gruppenentwicklung, die diese Pole in Balance hält, beschreibt Kuhn (Budziat & Kuhn 2021, S. 115) in einem „Pendelmodell“, in dem die Gruppe zwischen Bewegungen und Handlungen der Integration/Kohäsion/Wir und der Differenzierung/Individualität/Ich hin und her schwingt. Besonders arbeitsfähige Gruppe halten große Ausschläge dieses Pendels aus und schaffen es „die Kurve zu nehmen“ (Budziat & Kuhn 2021, S. 115) bevor das Spannungsfeld aus der Balance gerät.